von Nils Reiter
Theaterfahrt nach Lübeck: „Cabaret“ als eindringlicher Spiegel von Vergangenheit und Gegenwart
Mit 64 Schülerinnen und Schülern aus den Klassenstufen 9 bis Q1 sowie einigen ehemaligen Mitgliedern der Theater-AG besuchten wir gemeinsam mit Frau Schröder, Herrn Schambach und Herrn Müller-Gerken eine Aufführung des Musicals „Cabaret“ am Theater Lübeck.
„Willkommen, Bienvenue, Welcome“ – der berühmte Einstiegssong führt zunächst in eine schillernde, scheinbar unbeschwerte Welt der Goldenen Zwanziger. Doch genau dieser Kontrast prägt den Abend: Aus Unterhaltung wird nach und nach eine beklemmende Auseinandersetzung mit politischen und gesellschaftlichen Entwicklungen.

Ein zentrales dramaturgisches Mittel der Inszenierung ist das schrittweise Auftauchen nationalsozialistischer Symbole und Gesten. Was zunächst nur angedeutet wird, verdichtet sich im Verlauf der Aufführung: Hakenkreuzarmbinden, der Deutsche Gruß, Figuren in SS-Uniform sowie Verweise auf die Reichspogromnacht machen sichtbar, wie sich Radikalisierung im Alltag ausbreitet.
Auch die musikalische Ebene unterstützt diese Entwicklung. Mit dem Lied „Der morgige Tag ist mein“ kippt die zuvor unterhaltsame Stimmung deutlich ins Völkische. Für viele wurde hier besonders greifbar, wie Kunst und Musik politisch instrumentalisiert werden können.
Im Finale bündelt die Inszenierung diese Entwicklungen eindrucksvoll: Das Bühnenbild durchläuft eine Transformation – von der Weimarer Republik über NSDAP-Wahlplakate von 1933 bis hin zu einer bewusst modern gestalteten hellblauen Fläche mit einem roten, geschwungenen Pfeil, die deutlich an aktuelle politische Bildsprache erinnert. In diese Verdichtung ist auch eine zentrale Szene eingebettet: Die Figur Ernst Ludwig übergibt dem Conférencier einen Zettel, den dieser vorliest:
„Die offizielle Erinnerungskultur darf sich nicht nur auf die Tiefpunkte unserer Gesellschaft konzentrieren, sie muss auch die Höhepunkte im Blick haben. Ein Volk ohne Nationalbewusstsein kann auf die Dauer nicht bestehen.“
Der Text stammt aus dem Bundeswahlprogramm der Alternative für Deutschland. In Verbindung mit dem Bühnenbild entsteht so im Finale eine bewusste Zuspitzung, die historische Entwicklungen mit gegenwärtigen politischen Deutungsmustern in Beziehung setzt und zur eigenen Einordnung herausfordert.
Einen wichtigen Zugang bot auch die Geschichte um Fräulein Schneider und den jüdischen Obstverkäufer Herrn Schultz. Ihre Beziehung scheitert letztlich an den politischen Verhältnissen. Die zunehmende Ausgrenzung und Entmenschlichung jüdischer Menschen wird dabei ruhig, aber sehr eindringlich sichtbar gemacht und ermöglicht eine emotionale Annäherung an historische Erfahrungen.
Die Aufführung wurde mit großer Aufmerksamkeit verfolgt und am Ende mit Standing Ovations bedacht. In den anschließenden Gesprächen zeigte sich, wie intensiv die Inszenierung nachgewirkt hat. Sie hat dazu angeregt, historische Entwicklungen zu verstehen, Parallelen zur Gegenwart zu erkennen und die eigene Haltung zu reflektieren.
Ein besonderer Dank gilt der Ulbrich-Stiftung, die durch die Übernahme der Buskosten dieses bereits etablierte schulische Highlight überhaupt erst möglich gemacht hat.